Mein Wochenbett – 8 Wochen oder mehr

Diese besonders sensible Zeit möchte ich euch nicht vorenthalten. Umso schwieriger war es diesmal für mich, selbstreflektiert darüber zu schreiben.

Zuerst möchte ich einen kurzen Erklärungsexkurs machen:

Im 20. Jahrhundert wird das Wochenbett auf die ersten 6-8 Wochen begrenzt. Dabei unterscheidet man das Frühwochenbett (bis zum 10. Tag) und das Spätwochenbett (10.Tag bis 8. Woche). Es dient zur Förderung der Rückbildung und Heilung sowie zum Ankommen von Mutter und Kind. Früher wurde das Wochenbett streng gepflegt, da ein Aufstehen aus diesem bedeuten würde, dass die Frau bereits fit genug war, auch am Feld und im Haushalt zu arbeiten. So wurden die Frauen zum eigenen Schutz ins Bett verordnet – für die gesamte Dauer. Es gibt die Ansicht, dass das Wochenbett sogar bis zu zwei Jahre dauern kann.
Ich fühle mich im Wochenbett nicht an das Bett „gefesselt“. Ich sehe es als eine Zeit, in der die Frau beginnen kann den Geburtsprozess zu verarbeiten, sich schont damit die Narben verheilen können und jeder auf seinem neuen Platz ankommen kann. Das zu tun was mir und dem frisch Gebackenen gut tut, zählt hier in erster Linie.

Die Einstellung sich nicht bewegen zu dürfen finde ich veraltet. Schonen ist mit Sicherheit angesagt und wenn genug Unterstützung da ist, dann sind auch acht Wochen und mehr drinnen. Das seelische Wohlbefinden ist für mich ein großer Bestandteil der Genesung sowie das auftanken von Kraft und Energie.

 

Wie war das Wochenbett bei mir?

In den ersten zwei Wochen konnte ich mich sehr gut ausruhen, da ich ja das Glück hatte meinen Mann bei mir zu haben, der sich um Arthur und uns gekümmert hat. Unsere Freunde und Familien haben darauf geachtet, unseren Wunsch einer „Ankommzeit“ für die erste Woche zu erfüllen. Dies war sicherlich nicht leicht hinzunehmen, da es außerhalb der gängigen Tradition liegt. Und trotzdem kann ich es aus ganzem Herzen nur jedem empfehlen.

In der ersten Woche lebten wir von der Tiefkühltruhe: Hühnersuppe, gefüllte Paprika, Gulasch, selbst gebackenes Energiebrot,… Das haben wir alles in den Wochen vor der Geburt bekommen und ist schnurstracks in den Tiefkühler gewandert. Eine echt tolle Unterstützung.

Am dritten Tag durfte ich die Flut der Milch begrüßen – Milcheinschuss. Vincent hatte drei Tage/Nächte seinen Job gemacht und die Milchproduktion angekurbelt. Ich merkte, dass sich auch hormonell etwas tat. Meine Laune schwankte von himmelhoch jauchzend bis zur unglaublichen Sensibilität. Da wartete dann auch schon der erste Streit mit Werner auf mich – ich nenne ihn ganz liebevoll den „Milcheinschussstreit“. Ich weiß auch gar nicht mehr worum es eigentlich ging – irgendeine Banalität. Und trotzdem löste er eine veritable Beziehungskrise aus. Die dunklen Wolken hatten sich zum Glück bald wieder verzogen und die zweite Woche war auf einmal da. Alle die uns besuchen wollten haben wir „step by step“ kontaktiert und Besuchszeiten mit ihnen vereinbart. Da wir einige Tage vorher für uns hatten, waren wir schon etwas eingespielt. Das hat uns allen eine unglaubliche Sicherheit für uns selbst gegeben.

Natürlich merkte ich, dass mit zwei Kindern der Alltag nicht mehr so einfach, schnell und geplant ablaufen konnte. Alles muss sich neu einspielen und wir sind jetzt noch immer dabei unseren Platz und eine Regelmäßigkeit zu finden. Schnell habe ich alte Gewohnheiten ad acta gelegt. Ich musste mich neu orientieren bzw. bin gerade noch dabei das zu tun. Dieser Prozess wird sicher noch einige Zeit und Energie in Anspruch nehmen, wenn dieser mit Kindern überhaupt je beendet sein kann.

Kaum etwas läuft wie geplant. Das ist eine echte Herausforderung für mich und ich arbeite jeden Tag an mir es zu akzeptieren. Ein Bsp. Wie oft war ich bereits im Erdgeschoss bei unserem Wagerl – alle drei – Arthur, Vincent und ich waren fertig angezogen und da musste ich feststellen, die Windel ist voll. Wieder hinauf die Treppen mit Sack und Pack und Windel wechseln.

Die schlaflosen Nächte war ich definitiv nicht mehr gewohnt. Es gibt Nächte in denen mich mein Mann wecken muss, damit ich den „Hungerruf“ unseres Kindes höre, weil ich mich mittlerweile in einem komatösen Schlafzustand befinde. Es gibt noch immer Zeiten, in denen ich nicht weiß, wie ich meine Augen offen halten soll. Die Farbe meiner Augenringe gestaltet sich bunt, ganz abgesehen von den Falten, die sich über Nacht verdoppeln.

Ich spürte anfangs schnell meinen Beckenbogen und meinen Rücken. Alles war noch etwas instabil. Nach der ersten Geburt hatte ich deutlich länger Zeit mich zu schonen, öfters Pausen zu machen, zu schlafen. Das war nun anders.

Ich habe auf Dauerversorgungsmodus geschaltet. Es dauert einfach wieder ein paar Monate bis jeder seinen Platz gefunden hat und es runder läuft. Auch ich. Dem muss ich nun mal Zeit geben. Grad letztens hab ich meinen Mann gefragt, ob er sich erinnern kann, dass wir Arthur auch so viel getragen haben. Er konnte sich das Lachen nicht verkneifen, nahm mich in den Arm und meinte nur: „Wir schaffen das schon.“ Zugegeben ich habe schon einiges vergessen, oder verdrängt 🙂

Da Arthur kein Stubenhocker ist und seinen regelmäßigen „Auslauf“ (ich nenne es mal so provokant) benötigt war bei uns bereits nach zwei Wochen Alltagsprogramm angesagt. Dazu vielleicht ein paar Worte:

Wir leben in keinem Großfamilienhaushalt. Wir haben derzeit keinen Balkon, keine Terrasse, keinen Garten. Das ändert sich erst nächstes Jahr wenn wir umziehen. Dh. damit bei uns der Haussegen halbwegs ausbalanciert ist, gehe ich für mein Wohlbefinden und für Arthurs Energieventil zumindest einmal pro Tag hinaus. Einen ganzen Tag zuhause zu verbringen, wäre derzeit unvorstellbar und ist nur an Sondertagen möglich. Wir lieben nun mal die Natur, Unternehmungen,…

Was meinen Körper betrifft, so hatte ich unmittelbar nach der Geburt „keinen Bauch“ mehr. Ich merkte bereits in der Schwangerschaft, dass ich etliche Kilos abgenommen haben muss, da mein Gewicht unverändert blieb. Was soll ich sagen, mein Fitnesscenter begleitete mich nun mal jeden Tag – Arthur!

Da ich keine große Geburtsverletzung hatte (Grad 1) heilte auch in diesem Bereich alles rasch. Natürlich waren die ersten Besuche auf dem stillen Örtchen unangenehm. Hier versuchte ich es meinem Körper leichter zu machen indem ich Joghurt mit aufgequollenen Leinsamenschrott aß und viel Flüssigkeit zu mir nahm.

 

Das andere war die seelische Umstellung. Die ersten 2-4 Wochen hatte ich das Gefühl noch alles so halbwegs im Griff zu haben. Genug Zeit für Arthur und Vincent zu haben. Das gemeinsame Mittagsschläfchen ging auch noch ganz gut. Aber je mehr Wochen vergingen, merkte ich, beide fordern ständig und gleichzeitig meine Zeit für sich ein. Es wurde mir unmöglich dieses Tempo zu halten. Es macht mich heute noch immer etwas hibbelig, wenn ich ihre Bedürfnisse nicht gleichzeitig stillen kann.

Ich habe mich bereits ein paar Tage nach der Geburt voller Energie, Lebenslust und Freude gefühlt. Da konnte ich auch gar nicht mehr liegen bleiben. Irgendwann will man dann schon auch raus. Auch hier wieder: Jede muss auf ihr Bauchgefühl und ihren Körper hören.

Natürlich passiert es mir, dass ich über das Ziel hinaus schieße und zu viel mache, dann wird der nächste Tag eben ruhiger.

An alle Männer die hier bei diesem Blog mitlesen: Wir Frauen sind in solchen emotionalen Situationen nicht Frau der Lage. Meine Gefühlswelt überrascht mich noch immer und ich bin selbst erstaunt was die Hormonumstellung mit mir macht. Im Nachhinein weiß ich oft nicht was da jetzt mit mir los war!

Unsere Hormone, auch wenn es noch so abgedroschen klingt, spielen mit uns – wir machen da echt selbst was mit und da kann es schon mal passieren, dass aus einer Ameise ein riesen Elefant wird. Nicht zu vergessen der Schlafmangel, der nicht ohne Grund als Foltermethode verwendet wird. Ein Feuerwerk an Gefühlen prasselt da auf uns ein. Die zu kanalisieren, damit was Gscheits’ rauskommt, ist wirklich nicht einfach. Nach einem Gefühlsrausch versuche ich mich mit einem tiefen Atemzug wieder zu Erden und auf das Wichtige in meinem Leben zu konzentrieren. Es wird mit jeder Woche ein bisschen leichter.

 

Foto:cc by sa grossekleinewunder/Petra Etzelstorfer