Vom Kaiserschnitt zur Hausgeburt – Unsere Hausgeburt

Wir Frauen haben eine Gabe, ein Geschenk erhalten, das Geschenk Leben zu schenken…

So wie der Drache sich vom Wind tragen lässt – habe ich mich an diesem Tag von meinem Bauchgefühl und Instinkt leiten lassen.

In der Nacht hatte ich eine starke Wehe und dann war wieder Ruhe. Geht’s los? Keine Ahnung – lass dich überraschen Petra! Hab Geduld und Vertrauen. In der Früh bin ich recht zeitig wach geworden und es machten sich erneut Wehen bemerkbar. Ich lies Werner beruhigt in die Arbeit fahren – mit der Info sein Handy immer bei sich zu haben. Meine Mama schickte ich mit Arthur auf den Spielplatz.

9.00 Uhr – Wehen im Abstand von 6-8 Minuten

Gegen 9.00 Uhr rief ich meinen Mann an, informierte ihn über den Stand der Dinge, und erklärte ihm, dass er aber noch nicht heimkommen müsste. Die Hebamme wollte ich noch nicht informieren. Ich konnte mich erinnern irgendwo gelesen zu haben: „Knackig und Zackig“ müssen sie sein und solange man überlegt ins Krankenhaus zu fahren oder die Hebamme zu rufen, ist es noch nicht so weit. Und daran habe ich mich gehalten.

Nachdem Werner aber darauf bestand Patricia zumindest zu informieren, rief ich sie an. Auch ihr versicherte ich, dass ich mich erneut melde, wenn ich denke, dass es losgeht. Ich beschloss noch die Wäsche gemütlich wegzuräumen und abzuwarten wie es sich entwickelte.

9.30 Uhr – Wehen im Abstand von 4-6 Minuten

Keine 30 Minuten später griff ich mit einem „fetten Grinser“ im Gesicht erneut zum Telefon, rief Werner an und sagte ihm er solle sich bitte alsbald auf den Heimweg machen. Als nächstes war Patricia dran. Ich war wirklich aufgeregt – es geht los – und trotzdem hoffte ich, dass ich niemanden unnötig zu mir bestellte. Zu guter Letzt, bat ich auch meine Mama vom Spielplatz heimzukommen.

Die Wehen wurden etwas stärker und die Abstände immer kürzer. Aber ich kam sehr gut mit ihnen klar.

10.00 Uhr – Wehen im Abstand von 3-4 Minuten

Um 10 Uhr trafen Werner, Patricia und meine Mama mit Arthur fast zeitgleich ein. Zuerst galt es Arthur und meiner Mama alles notwendige mitzugeben, was die beiden für einen Besuch und eventuell eine Übernachtung bei meiner Schwester benötigten. In weiser Voraussicht hatte ich am Vorabend Arthurs Sachen mit allem Notwendigen gepackt. Er freute sich schon auf den Besuch bei seiner Cousine.

Als wir dann alleine waren, begann Werner Tee und Kaffee aufzustellen und eine kleine Jause für die, die sich zwischendurch stärken wollten, vorzubereiten. Patricia legte alles für die Geburt bereit: Die roten Handtücher wurden im Ofen vorgeheizt, Leintücher und Unterlagen griffbereit hingelegt,… Ich habe zwischenzeitlich meine Wehen weiter veratmet.

Patricia war sehr darauf bedacht mich nur dann zu untersuchen, wenn es notwendig war und das war auch mein Wunsch.

Die Stimmung war so entspannt, dass Werner zwischenzeitlich sogar ein Buch las („The Way of the Weasel“ – empfehlenswert und lustig) und ich war ganz für mich. Er erzählte mir am nächsten Tag, dass die Situation wirklich skurril für ihn war, als er das Buch las und ich mich auf mich und die Wehen konzentrierte.

Dank der Yoga – Ausbildung und Praxis, war ich nach meinem Gefühl körperlich und geistig gut vorbereitet. Ich ging von einem Zimmer ins andere und sobald eine Wehe anrollte, blieb ich stehen, stützte mich an Bett, Kasten, Couch und Co ab und atmete.

Sogar auf der Toilette versuchte ich mein Glück im Sitzen, merkte aber bald, dass der Vierfüßer „meine“ Position war. Gegen 12 Uhr wurden die Wehen stärker und ich merkte, atmen allein reichte nicht aus – Schreien musste her.

In den Tagen vor der Geburt, versuchte ich in einer ruhigen Minute, die Geburt zu visualisieren. Wie würde sich das Baby im Bauch und Beckenraum durch den Geburtskanals drehen und bewegen. Und genau das tat ich auch während der Geburt wieder. Ich schloss meine Augen und versuchte mir wieder vorzustellen wie sich klein Vincent durchzwängt. Mit jeder Wehe die jetzt kam öffnete ich meinen Mund so weit wie möglich, lockerte mein Kiefer und schrie wie ein brünftiger Elch. Gleichzeitig dachte ich an meinen Muttermund. Mein Mantra für die Geburt: Öffne deinen Mund, dann öffnet sich dein Muttermund. – Und so war es.

Recht zügig kamen dann die Presswehen, die mich regelrecht überrollten. Patricia wich zu dieser Zeit nicht mehr von meiner Seite und erkannte sehr gut wann ich ihre Hand oder Stütze brauchte. Mein Mann hingegen wusste bereits von der ersten Geburt, dass ich es nicht mochte wenn er mich berührte unter der Geburt. Somit unterstützte er mich mit seinem Dasein.

In der einen Minute dachte ich überglücklich zu sein, diesen Weg für mich gewählt zu haben, in der anderen fragte ich mich ob ich das schaffte und stark genug sei – und da wusste ich, wenn die Zeit kommt, wo meine Kräfte am Ende sind, kann es nicht mehr lange dauern. Alles machte ich zu dieser Zeit instinktiv ohne großartig nachzudenken. Dem Ende hin fragte ich Patricia, ob sich denn da unten eh was tat. Auf meinen Wunsch untersuchte sie mich erneut und erklärte mir, dass es gut aussah. Es würde nicht mehr lange dauern. Und so war es. Meine Fruchtblase platzte 30 Minuten vor Vincents Geburt.

Im Vierfüßer vor meiner Couch strengte ich mich an, um meinem Baby so gut wie möglich zu helfen, den Weg nach draußen zu finden – zu uns. Gedanken schossen mir kurzfristig durch den Kopf: Nie und nimmer werde ich liegend gebähren.

Werner war es wichtig nichts von dem „Geschehen“ abseits meiner Hüften zu sehen und so nahmen sowohl die Hebamme als auch ich darauf Rücksicht. Ich fand es wichtig, dass auch er seine Wünsche und Bedingungen aussprechen konnte und auch diese respektiert wurden.

Und schwupps war auf einmal das Köpfchen da – ich konnte es nicht glauben – mit der nächsten war Vincent geschlüpft. Patricia überreichte mir unser Baby ohne zu zögern, abzuwischen, zu baden, o.ä. Ich saß am Boden, unglaublich stolz diese Leistung vollbracht zu haben. Mein Mann saß hinter mir und konnte gar nicht glauben, dass er nun da war. Wir wurden in die warmen roten Handtücher gewickelt und zugedeckt. Patricia gab uns Zeit, uns zu beschnuppern und zog sich zurück. Wir machten es uns auf der Couch gemütlich und unverzüglich suchte der Kleine meine Brust. Er saugte als ob er nie was anderes gemacht hatte.

Nach 20/30 Minuten merkte ich, die Nachwehen begannen. Die Nabelschnur war bereits auspulsiert und Werner durfte sie durchschneiden. Er nahm Vincent zu sich und zog sich ins Schlafzimmer zurück. Patricia und ich begannen uns um die Nachgeburt zu kümmern. Es dauerte ca. eine Stunde und die Plazenta war da. Gar nicht so klein, dachte ich.

Am schönsten fand ich es zuhause zu sein. Unseren Sohn gleich im Arm zu halten, ihn anlegen zu können, spüren, riechen,… in unserer gewohnten Umgebung zu sein. Ich musste keine vier Stunden warten, um ihn bei mir zu haben. Ich hatte kein Distanzgefühl zu ihm.

Ich war und bin es. Überwältigt. Berauscht. Beindruckt. Von mir, ihm, uns, Mutter Natur.

 

Foto:cc by sa grossekleinewunder/Petra Etzelstorfer