Unser erstes Jahr zu viert – David und Goliath, zwei Brüder

4 h 45 min dauerte es bis die Zwetschke in unseren Armen lag.

Kurz nach der Geburt schwebte ich auf Wolke sieben und ich hoffte, dass das so bleibt. Die erste Begegnung unserer Söhne war spannend. Langsam hat sich der Ältere herangetastet, weil da unter der Decke etwas „miaut“ hatte.
Leichtes Wundern und Streicheln hat sich breitgemacht. Und dann nach zwei Minuten ging es ab zum Spielen. So spannend war das neue „Ding“ da auf der Couch und in Mama´s Armen dann doch nicht.

Eigentlich hatte ich mir ihr Zusammentreffen aufregender vorgestellt. Witzig, welche Erwartungen man da an sein Kind und die neue Situation hat. Er hat es ganz unbekümmert die ersten Tage angenommen und nicht wirklich realisiert, würde ich jetzt im Nachhinein meinen. Aber vielleicht hat er auch nur abgewartet was wir mit diesem neuen Wesen in unserer Mitte tun. Oder beobachtet, ob es eh wieder verschwindet. Manchmal weiß man einfach nicht was in dem kleinen Kopferl vorgeht.

Jetzt, einige Wochen später beginnt er zu realisieren, dass da etwas ist was nicht mehr weggeht. Wir versuchen mit aller Geduld den Älteren bei diesen gemischten Gefühlen zu begleiten – aber auch wir sind nur Menschen und stoßen dabei an unsere Grenzen. Es ist uns wichtig, unseren Kindern gegenüber authentisch zu sein. Sie dürfen uns auch wütend, traurig und launisch kennenlernen. So, wie wir nun mal sind. Authentisch bleiben gegenüber den Kindern und trotzdem Grenzen im eigenen Handeln und Tun nicht überschreiten, ist wie ich gemerkt habe, ein Balanceakt, der definitiv Übung bedarf und auch von der eigenen Tagesverfassung abhängt. Auch wir haben unsere schlechten Tage, sowie das Kind, dass uns in genau solchen Situationen gerne spiegelt – mit gleichem oder 180 Grad verkehrtem Handeln und Agieren.

Unser neues Zwetschgerl ist ein unglaubliches „Speiberl-Baby“, das hat mich am Anfang völlig verunsichert, da der Ältere ganz anders war. (Ich bemühe mich wirklich keine Vergleiche zu machen, aber manchmal erwische ich mich selbst dabei, dass ich es doch tue.) Auf einmal kommt da ein Schwall aus seinem Mund, ein 1/4l volles Glas das ausgelehrt wird ist nichts dagegen. Dementsprechend haben wir Dauerwaschgang und die Wäscheständer stehen ununterbrochen in der Wohnung herum. Mühsam, würde eine liebe Freundin von mir meinen – ja Mühsam – ich wasche Tag ein Tag aus die Wäsche und kein Ende in Sicht – aber ich weiß, es geht nicht nur mir so, das beruhigt mich ;)

Mein Mann war die ersten 14 Tage zuhause und ich bin sehr froh darüber, dass wir diese Zeit so intensiv gemeinsam genießen durften und wir den Alltag zu viert eingestimmt haben.
Unsere Schlafsituation schaut derzeit so aus:
Wir haben ein großes Ikea Bett zu dem wir ein Flexa Kinderbett und ein Beistelltet dazugestellt haben – unser Familienbett. Da merkte ich das erste Mal, dass der Ältere nach ca. 10 Tagen nicht mehr in seinem Bett einschlafen wollte, sondern bei uns – im großen Bett – was für uns nie ein Thema war, da wir ja extra alle Betten zueinander gestellt hatten, damit er auch in der Nacht selbstständig zu uns kraxeln kann.

Nach ca. drei Wochen wollte er seinen jüngeren Bruder das erste mal im Arm halten – wir waren so stolz – und er auch, als er seinen Bruder auf dem Schoß liegen hatte. Zwischendurch, vor allem wenn unser Ältere bereits recht müde war vom ganzen Tag, begann er grober mit Vincent umzugehen, dh. er versucht die Hand ganz fest zu halten, hinzuhauen, o. ä. Ich weiß, dass wir genau in solchen Situationen besonders achtsam mit unserem Erstgeborenen umgehen müssen und wir versuchen ihm auch zu erklären, dass das etwas zu fest ist oder Vincent noch nicht so stark ist, dass er es aushält wenn er auf ihm herumhüpfen möchte (Keine Angst, dazu ist es noch nie wirklich gekommen, aber die Ansätze waren schon da). Gleichzeitig haben wir aber Angst, dass er mit Gegenständen auf das kleine zarte Ding haut oder die Fontanelle am Kopf trifft. Die zweiten müssen echt einiges aushalten und trotzdem versuchen wir Arthur das Vertrauen zu geben, dass er ihm nichts tun möchte.
Kinder wachsen von „Innen nach Außen“, und ein Klaps von Arthur kann daher auch schon mal einfach nur eine Kontaktaufnahme sein und ein Hallo. Wir ermahnen daher nicht umgehend mit einem Blick, einer Geste oder einem Wort, sondern erklären ihm, dass Vincent noch so klein ist, dass sich dieser Klaps ganz schön stark anfühlen kann wir aber wissen, dass er ihn damit begrüßen wollte.
Ein rührender Augenblick war auch sein erstes Busserl auf Babys Backe. Fast hat er ihn von oben bis unten abgeschleckt.

Die Zeit, in der ich den Jüngeren stille, nutze ich, um mit dem älteren Bruder ein Buch zu lesen oder laminierte Fotos anzuschauen. Er hat nicht immer Lust mit mir genau in dieser Zeit etwas zu machen. Am liebsten hätte er mich für sich dann komplett alleine. Dadurch, dass Vincent fast ausschließlich schläft, wenn ich ihn trage, hat der ältere kaum „Alleinzeit“ mit mir.

Sechs Wochen nach seiner Geburt habe ich das Gefühl, dass der Ältere mitbekommen hat, dass sein Bruder bei uns bleibt und zu uns gehört. Wenn sein Bruder weint, macht er mich darauf aufmerksam und stopft ihm den Schnuller in den Mund. Süß, wirklich, auch wenn das Baby durch das kraftvolle Stopfen würgen muss. Ich weiß er tut sein Bestes. Ich lass seine Wut über das ständige Weinen von seinem Bruder zu. Ich rede mit ihm. Letztens habe ich ihn gefragt, ob er sich wünschen würde, dass das Baby nicht in meinen Armen liegt und wieder gehen soll – seine Antwort – ein bestimmtes JA. Unglaublich und da soll noch einer sagen Kinder in diesem Alter verstehen uns nicht. Er versteht alles und ich kann nachvollziehen, dass er so denkt. Wenn ich einen Vergleich aufstellen darf, dann ist diese Geschwistersituation derzeit so für ihn, als ob mein Mann eine zweite Frau mit nach Hause bringen würde, die nun auch Teil unserer Beziehung wäre und ein Platzerl im Bett einfordert. Unvorstellbar für mich! Dieser Vergleich beschreibt die momentanen Gefühle von dem Älteren am Besten.

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